Ein hydrodynamisches Gleitlager baut seinen tragenden Schmierfilm selbst auf, vorausgesetzt, die Welle dreht sich schnell genug. Beim Anlauf, beim Auslauf und im Stillstand fehlt dieser Effekt jedoch und die Lagerflächen und die Welle berühren sich, es kommt zum direkten Materialkontakt. Für Anwendungen, die genau das nicht tolerieren können, gibt es hydrostatische Gleitlager.
In diesem Beitrag erfahren Sie:
Ein hydrostatisches Gleitlager ist ein Gleitlager mit einem aktiven, extern erzeugten Schmierfilmdruck. Statt darauf zu warten, dass eine Relativbewegung einen tragenden Druck aufbaut, presst eine Pumpe oder eine andere externe Druckquelle den Schmierstoff dauerhaft mit definiertem Druck zwischen Lager und Welle. Als Schmiermedium kommt meist Öl zum Einsatz.
Der Unterschied zum hydrodynamischen Prinzip liegt in der Art der Druckerzeugung. Bei einem hydrodynamischen Gleitlager entsteht der tragende Schmierfilm durch die Bewegung selbst: Die Welle zieht Schmierstoff in einen sich verengenden Spalt und die dabei entstehende Keilwirkung baut den tragenden Druck auf. Bei Stillstand fehlt diese bewegungsbedingte Druckerzeugung vollständig und beim Anfahren muss sich der Schmierfilm erst aufbauen.
Bei einem hydrostatischen Gleitlager kann sich der Schmierfilm bereits aufbauen, bevor sich Welle und Lager relativ zueinander bewegen. Bei geeigneter Auslegung sind die Funktionsflächen immer vollständig voneinander getrennt. Hydrostatische und hydrodynamische Lager lassen sich deshalb nicht pauschal als „besser“ oder „schlechter“ einordnen. Welches Prinzip geeignet ist, hängt von Betriebsbedingungen, Anwendungsanforderung und verfügbarer Infrastruktur ab.
Ein hydrostatisches Gleitlager ist damit immer Teil eines Systems, nicht nur ein Bauteil. Zur Lagerstelle gehört zwingend eine externe Druckversorgung. Das ist auch der zentrale Unterschied zu anderen Gleitlagerbauarten ist, die beispielsweise mit Niedrigdruckpumpen oder Sumpfschmierung funktionieren können.
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Ein hydrostatisches Gleitlager besteht immer aus zwei Funktionsblöcken: der eigentlichen Lagerstelle und dem Versorgungssystem, das sie speist. Typischerweise gehören dazu:
Die Lagerstelle selbst enthält mehrere Schmiermitteltaschen, auch Pockets genannt, die in die Lagerfläche eingearbeitet sind. Über Einlasskanäle wird der Schmierstoff in diese Taschen geführt und von dort über den umlaufenden Lagerspalt verteilt. In jedem Einlasskanal sitzt eine Drossel, die den Zufluss zur jeweiligen Tasche begrenzt. Bei Lagern, die einseitige Lasten aufnehmen müssen, wird der Schmierstoff bewusst an mehreren, über den Umfang verteilten Stellen zugeführt, damit sich auf jeder Seite ein eigener, unabhängig regelbarer Druck einstellen kann.
Die Pumpe stellt den Versorgungsdruck bereit. Über Drossel- oder Regelelemente gelangt das Schmiermedium kontrolliert in die Lagertaschen und strömt von dort über den engen Lagerspalt ab. Das dabei entstehende Druckfeld nimmt die äußere Last auf und hält Lager und Welle unabhängig von Drehzahl und Belastung auf Abstand.
Entscheidend für die Funktion ist die Drosselung. Im System wirken zwei Drosselstellen hintereinander: die feste Drossel im Einlasskanal und der Lagerspalt selbst, der sich wie eine zweite, aber variable Drossel verhält. Verändert sich der Lagerspalt infolge einer äußeren Belastung, ändern sich auch Strömungswiderstand, Volumenstrom und Druck in der betreffenden Lagertasche. Bei abgestimmter Auslegung entsteht daraus eine rückstellende Wirkung – Schritt für Schritt:
Auf der gegenüberliegenden Seite läuft derselbe Mechanismus spiegelbildlich ab: Der Spalt vergrößert sich, der Widerstand sinkt, der Taschendruck fällt. In Summe entsteht so eine selbstregelnde Rückstellkraft, ganz ohne aktive Regelungstechnik – rein durch die Strömungsmechanik der Drosselkombination.
| Hydrostatisches Gleitlager | Hydrodynamisches Gleitlager | |
| Entstehung des Schmierfilms | Extern durch Pumpe/Druckquelle zugeführt | Durch Relativbewegung und Keilwirkung im Schmierspalt |
| Verhalten bei Start und Stopp | Tragfähiger Film kann bereits vor der Bewegung bestehen | Vollständiger Film baut sich erst mit zunehmender Relativgeschwindigkeit auf |
| Drehzahlabhängigkeit | Tragwirkung nur gering von der Drehzahl abhängig | Tragwirkung wesentlich durch Drehzahl, Viskosität, Last und Geometrie bestimmt |
| Tragfähigkeit im Stillstand | Bei aktiver Versorgung möglich | Ohne zusätzliche Anhebe- oder Druckversorgung kein hydrodynamischer Druckaufbau |
| Losbrechmoment | Niedrig | Kann durch Grenz- oder Mischreibung beim Start höher ausfallen |
| Zusatzsysteme/Energiebedarf | Pumpe, Filter, Leitungen, Überwachung, ggf. Redundanz nötig | Mit Niedrigdruckpumpe oder Sumpfschmierung möglich |
| Komplexität/Wartung | Tendenziell höher | Je nach Anwendung häufig einfacher |
| Typische Einsatzfelder | Präzisionsmaschinen, langsam laufende Schwerlastanwendungen, Prüfstände | Kontinuierlich laufende Anwendungen mit ausreichender Betriebsdrehzahl |
Für die Auslegungsentscheidung zählt am Ende der direkte Vergleich beider Prinzipien:
Der Vergleich zeigt: Ein hydrodynamisches Lager ist konstruktiv einfacher aufgebaut und benötigt keine externe Druckversorgung für einen tragenden Schmierspalt. Sofern die Anwendung eine ausreichend hohe Betriebsdrehzahl gewährleistet und kurzzeitigen Festkörperkontakt akzeptiert, stellt es häufig die wirtschaftlichere Lösung dar. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Anforderungen an Verschleiß und Lebensdauer durch geeignete Maßnahmen wie eine optimierte Materialauswahl oder den Einsatz von Beschichtungen zuverlässig erfüllt werden können. Ein hydrostatisches Gleitlager zahlt sich dort aus, wo genau das nicht der Fall ist: bei sehr niedrigen oder wechselnden Drehzahlen, bei hohen Anforderungen an Rundlauf oder wenn Stillstandslasten dauerhaft getragen werden müssen.
In der Praxis existieren auch Mischformen: hydrodynamisch-hydrostatische Hybridlager nutzen eine externe Druckversorgung nur beim Anlauf und Auslauf und schalten im normalen Betrieb auf das rein hydrodynamische Prinzip um. Sie kombinieren damit die Reduktion von Festkörperkontakt beim Start mit dem geringeren Systemaufwand im Dauerbetrieb.
Da der tragfähige Schmierfilm unabhängig von der Bewegung aufgebaut ist, gibt es keinen Kontakt von Lager und Welle. Das kann helfen, das Losbrechmoment zu senken und kontrollierte Bewegungen aus dem Stillstand zu ermöglichen.
Als Lagerlösung für Start-Stopp-Betrieb ist das hydrostatische Prinzip besonders dann interessant, wenn hohe Lasten bereits vor oder unmittelbar nach der Bewegung anliegen. Die externe Versorgung ermöglicht reproduzierbarere Schmierbedingungen, sofern sie vor dem Anfahren aktiviert und während der relevanten Betriebsphasen aufrechterhalten wird.
Hydrodynamische Lager durchlaufen beim Hoch- und Herunterfahren typischerweise Drehzahlbereiche, in denen kein vollständiger Schmierfilm vorliegt. Eine hydrostatische Versorgung kann diese kritische Phase weitgehend vermeiden.
Der Druckaufbau ist nicht auf eine hohe Relativgeschwindigkeit angewiesen. Ein hydrostatisches Lager kann deshalb auch bei sehr niedriger Drehzahl oder im Stillstand Last aufnehmen. Das ist beispielsweise relevant für schwere Maschinentische, große Wellen oder langsam bewegte Komponenten.
Werden die Funktionsflächen zuverlässig durch einen Schmierfilm getrennt, nimmt die Festkörperreibung ab. Die hydrostatische Lagerung bietet somit das Potenzial für eine verschleißarme Lösung – vorausgesetzt das System ist optimal abgestimmt.
Durch die abgestimmte Kombination aus Lagergeometrie, Lagertaschen und Druckregelung lässt sich eine hohe Lagersteifigkeit erreichen. Das unterstützt eine präzise Führung und begrenzt die Verlagerung unter wechselnden Kräften.
Der Einsatz hydrostatischer Gleitlager ist mit zusätzlichen technischen und wirtschaftlichen Anforderungen verbunden. Pumpen, Filter, Leitungen und Druckregelung benötigen Bauraum und erhöhen die Zahl der Systemkomponenten. Zusätzlich entstehen Investitionskosten sowie ein Energiebedarf für die externe Druckversorgung, denn auch bei niedriger Drehzahl oder im Stillstand läuft die Pumpe weiter. Wartung und Überwachung von Versorgung, Filtern, Dichtheit und Druckregelung müssen von Beginn an mitgedacht werden.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert ein möglicher Druckverlust: Fällt die externe Versorgung aus, kann das Lager seine tragende Wirkung verliert. Je nach Risikobewertung können Druck-, Durchfluss- oder Temperaturüberwachung, Speicherlösungen, redundante Komponenten oder definierte Abschaltsequenzen erforderlich sein.